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Lautschrift aktualisiert am 09.02.2008
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Jan

Er fiel mir auf der Fahrt von Perleburg zurück nach Hamburg ein. Die Scheibenwischer rutschten im gleichmäßigen Takt über die Frontscheibe, eintönig die Fahrt auf der Autobahn. Vielleicht fiel er mir ein, weil es die Nähe von Berlin war, wo er nun schon seit Jahren lebt.
Ich habe das dringende Bedürfnis es ihm zu sagen, ohne besonderen Anlaß, dieser Tag ist so gut wie jeder andere, es könnte genauso gut ein Mittwoch sein, nächstes Jahr, irgendwann, vielleicht bei einem Wiedersehen, aber vielleicht ist es irgendwann zu spät. Man kann nicht wissen, wann der Tag kommt, an dem man bedauert, Worte nicht gesagt zu haben.

Ich sage es Dir jetzt, mein Freund: jetzt und hier, ich werde Dich nicht anrufen, denn Du wärest ob der Plötzlichkeit vielleicht verwirrt, würdest nicht verstehen, ebenso, wie Du vor einigen Jahren auf meinem Balkon sagtest, ich erwarte vielleicht zuviel von Dir. Erwarte Dinge, die Du mir gar nicht geben kannst. Und ich ging über diesen Satz hinweg, war viel zu froh, Dich wiedergefunden zu haben, schwelgte in Freude und im Sonnenschein, dort auf jenem Balkon, in jenen knappen zwei Stunden nach so vielen Jahren. Wir hatten uns Jahrzehnte nicht gesehen, hatten einander wiedergefunden, nur durch einen kleinen Zufall.

Mein Freund, der Du mir warst und vielleicht noch bist, denke ich an Dich, fallen mir unzählige Bilder ein: als wir beiden Jugendlichen übermütig Polka zur Musik des "Zorbas" in Deinem elterlichen, engen Flur tanzten, als ich Dir die Haare schnitt und sie - es waren die Siebziger, man trug das Haar noch lang - nach getaner Arbeit fönte und wir alle paar Minuten den Fön am Kabel aus der Dachluke zum Abkühlen hängten, weil er immer wieder überhitzt war. Und denke nur an die Party in der sturmfreien Bude, als des Morgens zwei wildfremde Männer in der Küche Deiner Mutter standen und sich in aller Selbstverständlichkeit Spiegeleier brieten. Alle vermuteten, es wären Freunde von Dir, Du jedoch hattest sie niemals zuvor gesehen. Und ich sehe Dein breites Grinsen, als Du das Einweckglas aus den Tiefen Deines weiß lackierten Schreibtisches zogst, um mich schnuppern zu lassen: Pfeifentabak, den Du heimlich mit Cognac Deines Vaters getränkt hattest. Und Du schriebst mir flüssig mal eben ein mehrseitiges Referat zu Ibsens "Nora", mit dem ich in der Schule eine zwei einheimste und die mich im Zeugnis wirklich herausriss. Auf Pellworm trampten wir und ich trank schon des Morgens ein großes Glas Cognac gegen den wilden Zahnschmerz, der mich tagelang gefangenhielt. Um mich abzulenken, marschiertest Du mit mir am grünen Strand und gabst mir französische Vokabeln zu lernen. Wohl hundert Mal ließest Du mich das Wort aujourd'hui (heute) laut herausschreien, angeblich sprach ich es falsch aus, dafür werde ich diese eine Vokabel niemals vergessen. Und Deine spitze Zunge, die ich manches Mal fürchtete, Deinen glasklaren Verstand um den ich Dich immer noch beneide, ebenso Deine Fähigkeit, Politik schon früh zu durchschauen und wie Du einmal, als ich zu Dir kam, sagtest: "Du siehst aus wie ein frisch gevögeltes Eichhörnchen". Und wir schütteten einander unser Herz aus, sechzehn-, siebzehnjährig, ich von meiner Liebesgeschichte zu jenem wunderbaren Mann, Du von Deinen ersten Verwirrungen in Deiner Liebe zu einem Mann.

Wir waren Freunde, ich liebte Dich und wir gingen im Streit auseinander. Wir waren eben über zwanzig. Weitere zwanzig Jahre später sah ich Dich wieder, den attraktiven, schwulen und erfolgreichen Journalisten, meinen wunderbaren Freund, um zwanzig Jahre gereift. Die Zeit auf dem Balkon reichte nicht aus, es Dir zu sagen. So sage ich es Dir hier und jetzt, Du bist ein Baustein in meinem Leben. Ein tragender und wichtiger Baustein, an den ich oft dachte und denke, einer der mir lieb und teuer ist. Einer, der mich - ob er will oder nicht - ein Leben lang begleitet. Jan, ich danke Dir.

copyright Susann Thomsen



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