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Lautschrift aktualisiert am 09.02.2008
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Die Pianistin
(Hongkong)

Seit nunmehr zwei Jahren wohnen wir ruhig und wunderschön in diesem Hochhaus oben am Berg. Mit bilderbuchmäßiger Aussicht über Hongkong, es ist eine Pracht ! Nur zwanzig Stockwerke hoch, mit jeweils zwei Wohnungen auf der Etage. Die Mieter wechseln, wie in Hongkong überall üblich hin und wieder, aber das stört allein an den Tagen, an denen die Packer einen der zwei Aufzüge blockieren.

Seit einigen Wochen ist das Klackern der hohen Absätze der Mieterin über uns verstummt, ihre Gänge durch die Wohnung, im Flur und im Wohnzimmer nur durch zwei kleine Läufer gedämpft, erschallen nicht mehr zu gewohnten Zeiten über unseren Köpfen. Nun wohnt dort eine Pianistin mit ihrer Familie. Schön und gut. Unser Gebäude ist ja schon älter und somit nicht sehr hellhörig..

Nach langen Monaten der Hitze und vor allen Dingen der Feuchtigkeit werden alle Fenster und Balkontüren aufgerissen, ahhh, welch wunderbar frische Luft ! Dazu Klaviermusik vom Feinsten, in einem First Class Hotel könnte die Atmosphäre nicht gepflegter sein ! Der Haushalt ist unter Kontrolle, die Kinder erwarte ich erst in Stunden zurück, Zeit fuer ein gutes Buch.

Irgendwie ist meine Konzentration auch nicht mehr das, was sie mal war, die Musik beginnt mich nach einer langen Weile zu stören. Also ausschalten, aber halt, nicht möglich ! Gut, dann hinnehmen. Ich klappe das Buch zu und denke an den Italienurlaub, lautes, lebendiges Durcheinander, auch hier gehören Geräusche zu einer Nachbarschaft.

In den folgenden Wochen erkannte ich das eine oder andere gespielte Musikstück, seufzte manchmal, wenn mir doch der Sinn nach Rockmusik stand und schloß auch mal meine Fenster.
Was leider nicht viel half: die Luft in meiner Wohnung stand und die Dame über uns sang auch schon einmal - bei ihren weit geöffneten Fenstern, wie es sich fuer einen gesund lebenden, ernsthaft arbeitenden Künstler gehört - aus vollem Halse ihre Arien. Und setzte die Pedalen ihres Instrumentes voll ein.

Langsam wurde ich allergisch gegen klassische Musik. Zwar kein Hautausschlag, doch am späten Abend konnte man schon mal beobachten, wie ich im Takt der über uns gespielten Tonleitern endlos mit den Lidern zuckte. Zu diesem Zeitpunkt war es soweit gediehen, daß die Dame morgens anfing zu spielen, laut und ununterbrochen und erst am Abend wieder aufhörte!!! Gegen 22 Uhr !!! Vor einer Beschwerde drückte ich mich nach wie vor, wer will denn schon kleinlich sein und meckernd an fremder Leute Türen stehen.

Meine Geduld war am Ende, mein Kampfgeist erwachte : gegen Klaviermusik, ganz im Takt, sind die “ Gypsy Kings “ bestens geeignet ! Rhythmisch, schnell und wild ! Alle Türen auf, volle Lautstärke, Boxen gegen die Decke gerichtet ! Kurz runterschalten, es herrschte Stille. Fünf Minuten später wieder ihre Darbietungen samt Stimme. Boxen wieder auf, gaben alles her. Runterdrehen, Stille. So wechselten sich zehn lange Tagesstunden ab ! Leider gewann sie am späten Abend, wir konnten nämlich in unserer Wohnung das eigene Wort nicht verstehen und die Nachbarn taten mir auch leid.

Nächster Tag, eine neue Runde. Dieses Mal gewann ich nach zähem Ringen.

Tage später, gesellte sich zu ihren Tonleitern auch noch eine Geige, sehr schön, leider aber ausdauernd und laaaaang ! Ich ging rauf. So wie ich war, im Lieblingsgammelhemd , Shorts und barfuß, war mir alles egal ! Klingelte, beide Hunde bellten laut, konnten aber das Konzert, das im Flur schon gewaltig war, nicht übertönen und nach erneutem anhaltenden Geklingel meinerseits öffnete sie endlich. Eine Frau mittleren Alters, junger Mann mit Geige, zwei Hunde, zwei Kinder, ältere Frau, alle in der Tür. Stumm und abwartend.

Mein Name, ich mag sehr gern Musik, bestimmt, aber..... es tut mir leid, sie könne gern einmal herunterkommen und zuhören, so schön Musik auch wäre, besonders ihre, aber sie müßte sich etwas anderes einfallen lassen und ich mag Musik wirklich gern, wenn sie bitte jetzt sofort aufhören würde, und entschuldigen Sie, daß ich geboren bin......

Ich fühlte mich klein, häßlich und unwürdig angesichts dieser begnadeten Künstlerin. Sicher gibt sie außerdem Stunde, versteh ich ja, aber ich wohne hier auch und besonders gern abends um 22.30 Uhr ! Nach den Geräuschen zu urteilen, schob man das Klavier wohl ins Arbeitszimmer und schloß die Türen und Fenster. Musik erklingt immer noch, immer noch lang, aber doch recht gedämpft und wenn gegen 20.30 Uhr ihre Tonleitern erklingen, schalten wir den Fernseher mittlerweile automatisch drei Stufen höher.

Wir sind sehr ruhige Mieter geworden, die Kinder müssen ihre Stereoanlagen gedrosselt laufen lassen und auch ich habe lange Zeit keine Rockmusik mehr über den Hafen schallen lassen !

copyright Susann Thomsen



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