Vierzig (Hongkong)
Mein Blick streift den Teil meines gekrümmten Handgelenks, das nur bis zur Manschette der Bluse sichtbar ist. Ich nehme voller Erstaunen die unzähligen, dicht an dicht liegenden, feinen Falten der leicht getönten Haut wahr. Die Haut einer fast Vierzigjährigen. Meine Haut. In wenigen Tagen werde ich vierzig Jahre alt sein. Eine Zahl, zu der ich ein noch unklareres Verhältnis habe, als zu den anderen. Zu den vorangegangenen, als auch den wohl noch folgenden. Zwölf war eine Zahl, die ich kannte. Auch sechzehn, siebzehn. Achtzehn war die Zahl, die ich meinte, zu kennen. Danach waren und blieben es Zahlen. Ohne weitere Bedeutung, in keinem Zusammenhang stehend zu meinem Leben. Nummern, die ich mir merken mußte. Die ich regelmäßig wieder vergaß. Dies soll mein Handgelenk sein? Dies meine Haut? Mit diesen unendlich vielen, feinen Falten, dicht an dicht, Zeugnis bereits gelebter Jahre? Es scheint die feine Haut meiner Mutter zu sein. Nicht meine, großporig, wie die meines Vaters. Meine Mutter hatte diese feine, zarte Haut. Sie ist die Ältere von uns beiden. Wie komme ich zu einem solchen Handgelenk, in gekrümmter Haltung das Buch haltend. Meine Mutter las viel und ausdauernd. Mit dieser leichten Tönung, die eine Rothaarige von ansonsten weißem Hauttyp gar nicht haben kann. Mit diesen unendlich vielen, feinen Falten, dicht an dicht, die ich noch gar nicht haben kann. Nicht haben will. Stehe ich nicht immer noch am Anfang? Neugierig, unwissend, suchend und irrend? Das Buch wechselt die Hand. Die Haut jenes Gelenks ist nur noch sanft getönt. Vertraut in seiner relativen Glätte. Ich lese weiter.
copyright Susann Thomsen
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