Frei (Amman)
Der Tag war ungewohnt hell. In seinem alles entlarvenden Licht schien ihr die Frau fremd. Bleich, mit vom Schlaf verquollenem Gesicht, saß sie vor ihr im Sessel. Die Beine leicht gespreizt, ein wenig in sich zusammen gesunken, völlig regungslos. Sie könnte ebenso gut tot sein. Aber ihre Augen waren offen. Müde Schlitze, den Blick nach innen gerichtet.
Ihr missfiel, was sie sah. Ganz eindeutig. Und dennoch: kein Muskel regte sich, kein Glied des Körpers gab Anzeichen von sich, aktiv zu werden, etwas gar ändern zu wollen. Sie schien zu wissen, dass es auf nichts ankäme. Ihr ungekämmtes Haar, das zerdrückte Hemd, das sie trug, darauf kam es jetzt nicht an. Niemand würde es bemerken, niemanden konnte es stören, es würde keiner kommen und etwas fordern.
Sie lehnte sich leicht an den Türrahmen und fühlte Heiterkeit in sich aufsteigen, wie kleine Bläschen in einem Wasserglas. Nicht zu viele, vom Schäumen war sie weit entfernt. Die Bläschen stiegen stetig an die Oberfläche. Zerplatzten leise glucksend und hinterließen diese Heiterkeit. Machten sie frei und unbeschwert. Sie kannte die Frau, natürlich kannte sie sie!
Diese fremde Trägheit, den schlaffen Körper in all seiner Nacktheit, hatten sie ihr fast entfremdet. Ja, das war sie. Lethargisch, mit der ganzen dazugehörigen Schlamperei. Sie liebte sie dennoch. Ihre körperliche Preisgabe an dieses Mittagslicht, der völligen Hingabe an sie.
Sie reichten sich die Hände gleichzeitig. Schlossen wieder den Bund der Einigkeit, triumphierend über den Alltag. Lagen Hand in Hand im Sessel, kichernd und satt vor Freude, an diesem dritten Urlaubstag.
copyright Susann Thomsen
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