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Lautschrift aktualisiert am 09.02.2008
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Maid in Hongkong
oder
Die Frau, die mich manchmal wütend macht

Sie ist vielleicht Ende Dreissig, klein und hat dieses nette Lächeln, das genau in der Mitte liegt: nicht zu auffordernd, nicht zu still und milde. In aller Herrgottsfrühe räumt sie bereits das Wohnzimmer auf, räumt die Gläser und vollen Aschenbecher fort, rückt Kissen gerade, öffnet die Balkontüren weit, um zu lüften. Sie saugt und wischt, zupft welke Blätter von den Topfpflanzen und hat einen Teil ihrer Arbeit bereits getan, wenn die Familie gerade erst ans Aufstehen denkt.

Natürlich ist zu diesem Zeitpunkt der Frühstückstisch von ihr bereits gedeckt und diskreterweise weit und breit nichts von ihr zu sehen oder zu hören. Haben die Familienmitglieder einer nach dem anderen das Feld geräumt und alle Schlafzimmertüren weit offen stehen gelassen, begibt sie sich lautlos mit dem Putzeimer bewaffnet in die hinteren Räume. Sammelt die vertreuten Kleidungsstücke vom Boden, schliesst Schranktüren und Schubladen, hebt Handtücher auf und macht sich daran, jedes einzelne Zimmer samt dazugehörigem Bad gründlich zu reinigen. Irgendwann zwischendurch hat sie die Waschmaschine schon zum zweiten Mal eingeschaltet, der Trockner läuft und wenn sie die Schlafzimmer einladend geputzt und aufgeräumt verlassen hat, wird sie sich ans Bügelbrett stellen und Berge von adrett gefalteten Laken, Blusen und Oberhemden, samt ordentlich zusammengerollten Unterhosen und Strümpfen im Handumdrehen produzieren.

Sie ist die Frau, die die abgerissenen Knöpfe sofort an die Hemden näht, die Fenster regelmässig putzt, immer die letzte Rolle Klopapier im Auge hat und die niemals Reste im Topf stehen lässt. Diese Frau klagt nie, ist still und unauffällig und immer freundlich.

Ich habe an diesem Morgen vielleicht nichts vor, es klingelt nicht einmal das Telefon und die Musik im Radio ist nicht nach meinem Geschmack. Draussen regnet es wahrscheinlich mal wieder und die Fahrt in den Supermarkt ist auch nicht gerade dazu angetan, meine Stimmung zu heben. Ich möchte etwas machen! Möchte kreativ sein, aufräumen, umräumen, irgendwie sichtbar produktiv sein, meinen Lieben ein staunendes "Oooh" entlocken. Wandere durch die einzelnen Zimmer, begebe mich von einer Stille in die andere, öffne Schranktüren, schliesse sie wieder. Im Bad angekommen, starre ich auf den grünen Läufer mit den Fransen: das ist genau, was ich meine!

Wie in jedem anderen Zimmer auch, sind die Fransen eines jeden einzelnen Teppichs gerade ausgerichtet, wie mit einem Lineal gezogen, wahrscheinlich liebevoll nachgestrichen, nicht eine Franse schief! Wie kann ich in so einem Haushalt, in dem dank der Haushaltshilfe alles perfekt läuft, in dem die Familienmitglieder unter der Woche aushäusig essen gehen, irgendwo Punkte sammeln, irgendwie meine Anwesenheit als Hausfrau, als gute Hausfrau, rechtfertigen? Und abgesehen davon: niemals hätte ich mich beim Putzen darum gekümmert, ob diese Fransen nun schief oder gerade auf dem Boden liegen! Ich starre auf die Fransen des grünen Läufers im Badezimmer und werde so richtig wütend. Schlurfe mehrfach über diese Geometrie und fühle mich angesichts der von mir angerichteten Unordnung nicht einen Deut besser!

copyright Susann Thomsen



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