lautschrift


Lautschrift aktualisiert am 09.02.2008
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Jan
  Aufgeräumt
  Die Pianistin
  Vierzig
  Hamburg
  Karachi Skizzen
  Versicherung
  Frei
  Aussichten
  Besuch
  Maid in Hongkong
  Millenium
  Verwandte
  Wüstentraum
  Briefwunsch
  Verführung
  Unter Nachbarn
  Auf der Suche nach Weihnachten
  Nikolaus
  Von der Stange
  Nachts
  Oh Tannenbaum!
  Opernbesuch
  Gäste
  Handwerker
  Mein Typ
  Die Spinne
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren
 

Freunde
   
    venuslicht

    - mehr Freunde

Links
  venuslicht
  PTM-Hamburg
  seeyousoon
  wüstenreisen


http://myblog.de/lautschrift

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Briefwunsch
(Karachi)

Meine Liebe, 12.März 1990

wie oft hab ich schon Post von Dir bekommen, wie oft fragtest Du nach mir, nach meinem Leben. Einen Brief, einen ausführlichen Brief, wollte ich Dir schon so lange schreiben. Ich will Dich weiter teilhaben lassen an meinem Leben,nur: Dieses Leben zu beschreiben, dieses Land, in dem ich seit vier Monaten bin, scheint mir schwierig, ja fast unmöglich.
Karachi, diese Millionenstadt, zeigte sich mir zuerst bei Nacht, minutenlang breitete sie sich unter meinen Flugzeugfenster aus, funkelte und blinkte, es war wunderschön! Die Ankunft, die ersten Stunden, ja Tage, habe ich kaum wahrnehmen können, zuviel Neues stürmte auf mich ein, allein der Zeitunterschied und die feuchte Hitze machten mir sehr zu schaffen.
Die wichtigsten Regeln prägte ich mir allerdings gleich ein: zum Zähneputzen nur Mineralwasser verwenden, keine Fenster öffnen, dafür die Klimaanlage einschalten, sich unbedingt bedeckt kleiden in diesem moslemischen Land, niemals am Telefon seine Identität zuerst preisgeben, die Kinder, besonders kleine Mädchen nie, unter keinen Umständen, ohne Aufsicht lassen und nicht aus Flaschen trinken.

Meine ersten Autofahrten durch die Stadt gleichen Puzzleteilchen: der verkrüppelte, abgewinkelte Arm eines Bettlers an unserem Auto, ein Mensch in Lumpen auf dem Gehsteig schlafend, der ohrenbetäubende L„rm der hupenden Autofahrer, die feuchte Luft, die kaum in die Lunge einzudringen scheint, der Schweiß, der langsam, aber stetig an Dir herunterläuft und der blaue Himmel, gleißend helles Licht, Tag für Tag.
In dieser aus allen Fugen berstenden Stadt, in der sämtliche Versorgungsleitungen, wie Kanalisation, Strom, Telefon, jeden Tag zusammenzubrechen drohen, scheint es nur zwei Sorten von Menschen zu geben: ein Meer von Armen, von ungebildeten, einfachen Menschen bis hin zu den Ärmsten der Armen und dann diese Handvoll Reicher, in jeder Hinsicht Priviligierter, die auf Schritt und Tritt von Bettlern und Straßenverkäufern verfolgt werden, um einen Happen, einen winzigen Happen vom Reichtum zu erhaschen.
Und nun gehöre ich dazu, zur Oberschicht, die nur mit den Fingern zu schnippen haben, zu den Menschen, die so reich erscheinen, daß man sein Leben bereits Tag und Nacht von Wächtern schützen lassen muß. Reichtum kann eine große Belastung sein, sage ich Dir!

Du kennst unsere schöne Vier Zimmer Wohnung, die wir in Deutschland hatten, unser wunderschönes Zuhause. Stell Dir vor, die Wohnung könnte ich spielend drei mal in diesem Haus, in dem wir mehr residieren, denn leben, unterbringen! Wie in allen anderen moslemischen Ländern, ist das Grundstück von einer hohen Mauer umgeben, um die Privatatmosphäre abzuschirmen. Wie gesagt, Tag und Nacht steht ein Wächter am Tor, eine Alarm Anlage wurde im und am Haus installiert, Personal wie zu Zeiten des Kolonialismus hält alles am Laufen und auf der Auffahrt steht uns unser großer Geländewagen, nebst normalen PKW, selbstverständlich mit Fahrer!, zur Verfügung. Und dann wirst Du in diesem Protzgefährt durch die Stadt gefahren und an jeder roten Ampel wirst Du von Scharen des Elends umringt, bis Du nicht mehr weißt, wo Du überhaupt hinsehen sollst und inständig auf Grün wartest.

Wochenlang habe ich das Elend gesehen, wochenlang habe ich mich unseres Reichtums geschämt. Wochenlang habe ich für mich persönlich versucht, eine Lösung zu finden. Und weißt Du was? Die Lösung hat sich inzwischen ergeben, aber auf eine Art und Weise, die mich zutiefst erschreckt: Ich sitze mit meinem wohlgefülltem Portemonai in diesem Riesenauto hinter meinem Fahrer, bin auf dem Wege zum Markt, wir fahren durch die Stadt, der Weg ist mir mittlerweile vertraut, ich kenne jede Ampel, jede Kurve, jedes Schlagloch und SEHE nicht mehr!

Ich habe mich auch an die Hitze gewöhnt, mehr noch an den täglich hellen Himmel, den Sonnenschein, das Gefühl, jeden Morgen in einer angenehmen Temperatur aufzustehen, lau zu duschen, ohne hinterher zu frieren und barfuß gehen zu können, Tag für Tag, ohne Strümpfe, ohne Schuhe, mich körperlich befreit zu wissen von all den lästigen, weil hemmenden Kleidungsstücken, Luft und Sonne auf meiner Haut zu spüren. Und was glaubst Du, wie schnell ich mich an einen gedeckten Tisch gewöhnt habe! An die Putzarbeit, die einfach erledigt wird, nur auf ein Wort, ohne meine Arbeit. Wie leicht es doch ist, alles bisher Lästige von sich schieben zu können, sich der körperlichen als auch geistigen Trägheit hinzugeben.

Ich habe das Gefühl, je länger ich hier lebe, je mehr ich mich an die Privilegien und die damit verbundende Macht gewöhne, desto mehr löse ich mich auf. Mein Bewußtsein wiegt sich träge in der heißen Sonne, Bilder und Geräusche rücken immer weiter fort, es döst vor sich hin, droht einzuschlafen und nur am Rande zuckt der Titel eines Romans von Milan Kundera durchs Gehirn: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins".
Ich halte die Hängematte auf, stelle meine Füße auf den Boden und bin nicht sicher: was ist nun positiv, das Leichte oder das Schwere?

Aus der sich nun wieder hin und her schaukelnden Hängematte, mit einem nun etwas bangen Sehnen nach, ja wonach eigentlich?,

grüßt Dich Deine Susann

copyright Susann Thomsen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung