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Lautschrift aktualisiert am 09.02.2008
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Oh Tannenbaum!
(Hongkong)

Wie ich den heutigen Tag verbracht habe? So, wie eine rechtschaffene Hausfrau kurz vor Weihnachten:
heute wurde der Tannenbaum geliefert ! Natuerlich erst am spaeten Mittag, somit blieb ich den Morgen ueber zu Hause, erledigte ein paar schriftliche Arbeiten und als es endlich an der Tuere klingelte, kam ich mir vor wie ein Kind, das endlich vor dem Weihnachtsmann steht. Schnell noch eine Unterschrift auf dem Lieferschein und schon war ich mit dem gruenen Buendel allein.
Ach, wie es schon nach wenigen Minuten dufete ! Ein ganzer Nadelwald schien in unsere Stube eingezogen ! Flugs den schon bereitgestellten Staender der vielen vorangegangenen Jahre geholt und mit Zweifel auf das abgesaegte Ende des Stammes geblickt: ein Truemmer von einem Baumstamm! Ob der wohl mit seinem gewaltigen Umfang in den kleinen Metallring passt, der widerum die vier Schrauben halten soll? Man wird sehen.
Allein den Metallring mit den vier Schrauben in den dazu gehoerigen, losen Fuessen, die durch die rote Schuessel, in der der Baum zu stehen kommen soll, locker zu befestigen, war eine elendige Geduldsarbeit. Gehoerte der Ring nun mit der scharfen Kante nach unten oder nach oben? Passt ueberhaupt der Stamm hinein? Ring wieder abnehmen, an das untere Ende des Baumes halten, Mist! Stamm zu dick. Lasse ich also den Ring weg, die Schrauben werden sowieso rundherum in den Stamm gebohrt, das wird auch so halten. Aber allein kann ich den Baum von ueber zwei Meter Hoehe nicht halten und gleichzeitig unten die Schrauben anziehen. Also die “Perle” holen.
Mit Amy beratschlagt, wo er stehen soll, einen Stuhl beiseite genommen, der fliegt ins Schlafzimmer. Hier neben der Bar wird er gut zu stehen kommen, auch ist in der Naehe eine Steckdose. Doch, das passt. Gemeinsam den Baum angehoben, in die rote Metallschuessel gestellt, die umliegenden Schrauben versucht anzuziehen. Amy darf sich nicht ruehren, gerade muss der Baum sein. Die Schrauben lassen sich kaum mehr drehen. Hebelkraft muss her. Womit? Da, die Schere vom nahen Sekretaer wird ihre Dienste tun. Und Amy haelt immer noch still. Drehen, neu einhaken, drehen und drehen, mein Handgelenk knackt bereits.
Mir kommt die ganze Geschichte wackelig vor, kann Amy schon loslassen? Nein, natuerlich nicht, der Truemmer hat bedenkliche Schlagseite. Ueber meine Hand kriecht eine verspaetete, fliegende Ameise, zack, ist sie matsch und an meinen Haenden klebt ueberall Baumharz. Es hilft nichts, das Biest muss wieder raus. Noch einmal die gleiche Uebung: anheben, einsetzen, halten, gerade halten, Schrauben anziehen, der Atem geht bereits stossweise.
Es hilft nichts, ich sehe ein, der so schnoede als nicht notwendig bezeichnete Ring hat wohl seinen Sinn und Zweck. Schrauben, reihum viermal, wieder lockern, loesen, den Baum anheben, rausziehen, beiseite legen. Mittlerweile rieseln vom Baum als auch aus unseren Haaren die Nadeln, scheppernd kracht der nun geloeste Tannenbaumstaender in sich zusammen.
Wie bekommt man einen Ring um einen Baumstamm, der unten zu dick ist? Klar, absaegen, dort, wo sich der Stamm etwas nach oben hin etwas verjuengt.. Also die zwei kleinen, rostigen Saegen aus der verbarrikadierten Waschkueche geholt. Baum auf den Balkon geschleppt, kurzzeitig in Erwaegung gezogen, diese Arbeit nun dem Mann des Hauses zu ueberlassen, dann gagegen entschieden. Hier sind Durchhaltevermoegen und Stolz gefragt!
Der Fuchsschwanz erweist sich als zu schwierig, also die kleine handliche Saege, mit der andrere, handwerklich Begabte vermutlich in null komma Nichts nette, kleine Figuren aussaegen, ohne auch nur schneller zu atmen. Zu zweit halten wir den Baum, setzen die Sage an und ritsche ratsche schieben wir das rostige Saegeblatt durch die Rinde. Erfolgserlebniss flammt auf, wird aber in kuerzetsre Zeit von Schweiss ueberschwemmt: sooo anstrengend ist das? Im Film saegen knackige Burschen, ganze Kerle, sonnengebraeunt Riesenbaeume durch und singen dabei noch ein Liedchen!
Wir wechseln uns ab, saegen, drehen den Baum immer mal wieder, versuchen die Arbeit zu erleichtern, indem wir fachmaennisch einen Fuss auf das Stammende staemmen, es bleibt schweisstreibend und die Handgelenke brennen. Ein hauchduenner Streifen von Saegespaene ziert den Fliesenboden, ein dagegen recht dichter Nadelteppich bedeckt die Perser. Eine Pause wird eingelegt, der Gedanke an einen praktischen Plastikbaum - federleicht und aufzuklappen wie ein Regenschirm - beginnt mich zu ueberwaeltigen. Amy hat mehr Geduld, sie feuert mich lachend und kichernd an, es muss doch zu schaffen sein!
Keine Muedigkeit vorschuetzen, noch einmal tief geschnauft und ran an den Stamm. Ritsche Ratsche und knack, das Ende poltert zu Boden. Lauter Jubel schallt ueber den Hafen Hongkongs! Wie rum gehoerte noch der Ring? Scharfe Seite nach unten, am Stammende angepasst, mit ein paar kraeftigen Schlaegen in Position gebracht und mit erprobter Uebung den Baum wieder aufgerichtet. Schrauben passen nicht, scharfe Seite gehoert nach oben! Baum wieder angehoben, hingelegt, Ring muesam abgeklopft, umgedreht, wieder angepasst. Aufrichten, in die Schuessel stellen, Schrauben anziehen und siehe :das schwere Buendel steht von ganz allein und schnurgerade im Staender!
Er steht und wackelt nicht, allerdings mitten auf dem Balkon! Wie bugsieren wir ihn nun ins Wohnzimmer in die freigeraeumte Ecke? Mich schaudert allein der Gedanke, es koenne etwas schief gehen. Nur Mut, er muss ins Wohnzimmer, wird schon schief gehen. Geht es dann auch: wir tragen mit vereinten Kraeften und angehaltenem Atem den Baum und schon nach einem Schritt faellt der vermaledeite Staender wieder scheppernd in sich zusammen. Es reicht, mir reichts, Schluss, bleibt er eben mitten im Saal liegen, ich will nicht mehr, soll sich abends der Mann damit abplagen!
Erschoepft und fassungslos sitzen wir nach fast drei Stunden samt dem nadelnden Ungetuem im Chaos und lachen. Amy gibt nicht auf. Hockt am Boden, richtet den Staender, dreht die Schrauben wieder fast heraus und bringt es fertig, dass ich mich noch einmal - aber wirklich zum allerletzten Male! - aufraffe. Wieder heben wir den Baum an, setzen ihn genau in der Mitte in die rote Schale, ziehen die vier Schrauben rundherum fest und immer fester und er steht. Steht ganz gerade, genau dort, wo er sein soll und muckst sich nicht, als ich ihm probehalber noch einen kraeftigen Tritt verpasse!

copyright Susann Thomsen



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