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Lautschrift aktualisiert am 09.02.2008
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Opernbesuch
(Hongkong)

Man mag mich ja für einen Banausen halten, aber das war dann doch ein starkes Stück:

Karten für die Oper, das Hongkong Art Festival eröffnete die diesjährige Saison mit der "Salome". Tung Chee-wha sollte als Ehrengast erscheinen und in solch einer illustren Gesellschaft ist man schliesslich nicht alle Tage! Man möge es mir verzeihen, aber die vordergründige Frage war nicht nach dem Inhalt des Stückes oder gar der Griff nach dem Opernführer, nein, sie war recht alltäglich: was ziehe ich an?! Fahren wir mit der U-Bahn oder mit der Fähre? Werden die milden Temperaturen anhalten oder muss ich mehrere Lagen übereinanderziehen? Was ist, wenn es regnet? Fragen, die einer Frau manches Mal schon Tage vor dem grosssen Ereignis durch den Kopf gehen. Ach ja, Kopf: Himmel, meine Haare! Und für den Friseur ist es zu spät, da bekomme ich nie im Leben so kurzfristig einen Termin!

Gut denn, schwarze Hose, schwarze Jacke, goldene Bluse drunter. Das Bad dampft, mir fallen die Arme ab: verflixt noch mal, das letzte Mal war das Flechten des französischen Zopfes doch ein Kinderspiel! Blick in den Spiegel: du Schande, alles noch einmal! Blick auf die Uhr, noch vier Minuten. Und ich murmle, "Lippenstift, Brille putzen, U-Bahnkarte nicht vergessen" wie mein Mantra vor mich hin. Der Zopf war auch schon einmal schöner, hilft alles nichts, der Ehemann steht schon mit klapperndem Kleingeld in der Hosentasche an der Tür.

An der Strassenkreuzung den Kopf in Windrichtung halten, im Schaufenster den Sitz der Hose übrprüfen: wer will sich heute Abend schon blamieren? Wir sind gut in der Zeit, strömen mit anderen Opernbesuchern in das Kulturzentrum, halten die Schultern gerade und ich ignoriere hartnäckig das Höschen, das sich in meinen Po verkrümelt hat. Haltung ist gefragt!

Es strömt, man nickt, es wird gelächelt und an eingezogenen Bäuchen und schräg gestellten Füssen vorbei, gedankt: Plaetze 16 und 17, das sind wir. Enge Bestuhlung, die Kniescheiben fest an den Vordersitz gepresst, das Programmheft bleibt geschlossen in der Hand: "Guck mal, ist das nicht.....was für eine grässliche Bluse!......Hast du die Frau X gesehen?...Ist das...oh, wirklich?" Die Hälse gereckt, ein falsches Lächeln auf den Lippen und die Stimme gedämpft, Worte aus dem Mundwinkel. Es muss gleich losgehen, fast alle Plätze sind besetzt, aaahhh, da kommt ja unser Oberhaupt, Ministerpräsident Tung Chee-wha! Und was hat seine Betty für eine sagenhafte Jacke an! Oh, und auch Sir Run Run, der legendäre, immer vergnügt lächelnde, greise Fernsehmogul der Stadt! Jetzt starren wir auf einen feisten Nacken unter grauem Stoppelhaar und einen blankpolierten Aristokratenkopf. Das Licht geht aus, der Vorhang hoch und das Unheil nimmt seinen Lauf:

Die sagenhaft schöne Salome, über die mir der Schlager aus den Sechzigern nicht aus dem Kopf will, wird von ihrem lüsternen Vater begehrt und weiss nicht, wie sie ihm entrinnen kann. Sie entdeckt den eingekerkerten Johannes den Täufer und schmeisst sich an ihn ran. Dieser schöne und halbnackte Kerl hat jedoch nur seinen Gott im Kopf und verdammt nicht nur Salomes Mutter, die Herodes, als den Inbegriff der Sünde, er verachtet auch sie, will nichts, aber - bis auf einen Augenblick der Versuchung - auch nichts von ihr wissen. Seine Ablehnung haut sie um, eine völlig neue Erfahrung für sie. Vater und Mutter tauchen mit Gästen auf, Vater verschlingt sie gierig mit Blicken, will sie tanzen sehen. Hält sich aber sehr entfernt vom Kerker, denn vor dem Johannes hat er eine sagenhafte Angst.

Es kommt einfach keine Pause, die ersten Huster werden laut, meine Kniescheiben brennen.

Na gut, Salome, das Luder, will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und willigt ein zu tanzen, wenn der Vater ihr einen Wunsch gewährt. Der Trottel, mit Geifer in den Mundwinkeln, willigt sofort ein, schwört sämtliche Eide und der berühmte Schleiertanz beginnt. Nun bin ich ja mal gespannt! Mein lieber Schwan, die steht ja nur rum! In wunderschöne, seidig fliessende Tücher ge- und enthüllt, schleicht sie recht ziellos über die Bühne, lässt flattern, streckt die Arme mal dramatisch gen Bühnendecke und irgendwann mal fetzt sie sich das siebente Tuch vom Leib, steht splitterfasernackt für einen Moment im schmeichelnden Gelblicht, bis sie sich auf die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, knallt und von jemandem eine Art Bademantel umgelegt bekommt.

Eine dreiundfünfzige Hausfrau aus Wanne Eickel mit Kreuzweh und dicken Füssen vom langen Stehen - und bei all diesen Damen entschuldige ich mich hier sofort an dieser Stelle, aber ich brauche doch einen Vergleich! - hätte diesen sinnlichen Tanz mal eben zwischen Abendbrot und Tagesschau hinlegen können und ihr Männe hätte flachgelegen!

König konnte nichts machen, er hatte Salome einen Wunsch gewährt und nun wollte dieses Weib den Kopf des Täufers. Kriegte sie auch. Nur quälte sie nun das gesamte Publikum endlos mit der Frage, warum der tote Kopf sie denn nicht ansehen würde, dass sie ihn nun doch noch küssen könnte - iegitt! - und erging sich noch weiterhin darüber, wie dieser blutige Kuss nun schmeckte. Sauerei!

Mittlerweile war ich mir sicher: egal, was der Ehemann einwenden würde, sowie die Pause eingeläutet würde, wäre für mich Schluss der Vorstellung! Noch weiter hielte ich weder die brennenden Knieschmerzen noch meinen knurrenden Magen und diese merkwürdige Oper erst recht nicht aus! Hatte aber Glück: der Vorhang fiel, das war's!

Im Schleich - und Trippeltempo über Teppich bezogene, runde Stufen, hinaus in die Halle, kurz genickt, nicht viel umgeblickt und ab durch die Mitte! Vom Festland auf die Insel per U-Bahn, dort hinein ins nächste Taxi und um zehn Uhr abends im Lift in den Spiegel geguckt:: "Spieglein, Spieglein an der Wand.....da haste dich aber gewaltig geirrt!"

copyright Susann Thomsen



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