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Lautschrift aktualisiert am 09.02.2008
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Mein Typ
(Hongkong)

Den Ersten hatte ich mir nicht ausgesucht, aber er stand zur Verfügung. Passabel anzusehen, noch taufrisch und nicht anspruchsvoll. Ich ging zart und vorsichtig mit ihm um, genoß seine Begleitung und hinterfragte nichts. In meiner Unerfahrenheit war ich begeistert, ja geradezu hingerissen von ihm und trauerte ihm unverhältnismassig lange nach, als wir uns nach zwei Jahren trennen mußten.

Den Nächsten nahm ich kurzentschlossen, weil mir kalt war. Es ist kein Vergnügen, im kalten Winterwetter auf den Straßen rumzulaufen! Da kann man nicht wählerisch sein: der Wind pfeift, der feine Nieselregen dringt durch jede Schicht Kleidung und es ist einem nahezu alles recht. Begeistert war ich absolut nicht von ihm, fragte mich sogar sorgenvoll die ersten Tage, ob ich nicht mal wieder übereilt gehandelt hatte. Aber was Besseres war einfach nicht in Sicht! Um mit ihm unterwegs zu sein, bräuchte man schon etwas Mut, wurde behauptet. Und dazu grinste man anzüglich und lehnte sich selbstgefällig zurück. Ich verteidigte ihn, soweit ich es vermochte, später lernte ich zu schweigen. Es wurde mir egal, sollten sie alle lachen. Schon nach kurzer Zeit lernte ich, was ich an ihm hatte!

Sicher, mit seinem Äußeren war beileibe kein Staat zu machen: er paßte eher zu einer billigen Pension irgendwo in der Wallachei, als daß man mit ihm vor dem Portier eines Fünf Sterne Hotels erschienen wäre und egal wo wir hinkamen, blickte man auf uns herab, wenn er überhaupt zur Kenntnis genommen wurde. Aber was wußten die Leute schon von seinen wahren Qualitäten! Unermüdlich, Jahr für Jahr, konnte ich mich unbedingt auf ihn verlassen, ihm jederzeit und egal für wie lange alles aufbürden. Selbst wenn ich ihn hin und wieder einfach irgendwo stehen ließ, ihn regelrecht vergaß, er würde ausharren bis zum Nimmerleinstag. Er nahm weder meine sporadisch auftretenden schlechten Launen übel, beschwerte sich nicht über die damit verbundene grobe Behandlung, war beständig, Sommers wie Winters, Tag und Nacht. Nie litt er unter Unpäßlichkeiten, beklagte sich über kein noch so kleinstes Zipperlein. Und wenn ich an den Umzug denke: nichts war ihm zu schwer, kein Weg zu weit, er hielt eisern durch.

Aber er kam in die Jahre und ich konnte ihn einfach nicht mitnehmen. Schweren Herzens ließ ich ihn zurück, als ich meine Zelte abbrach und Deutschland verließ. Ich schickte ihn zurück in seine Heimat und wußte, er würde in Rußland besser auf seine alten Tage versorgt sein, als bei mir.

Ich blieb nicht lange allein: gleich nach meiner Ankunft in diesem fernen Land der Wüste fand ich IHN:Mein Traumtyp mit Rasse und Klasse! Sein bloßer Anblick ließ mich schon alles andere als kalt und seine wahren Vorzüge präsentierte er mir unverzüglich und eroberte mich damit vollends. So hinreißend sportlich, daß er mir fast den Atem nahm! Über all dies hinaus war er zudem mindestens ebenso treu und verläßlich wie sein Vorgänger: mit ihm zusammen konnte man einfach Pferde stehlen! Für jeden Spaß jederzeit bereit und einfach unwiderstehlich!

Nun blickte keiner mehr auf mich herab: man sah uns nur bewundernd nach. Ja, etliche Frauen zeigten sogar unverhohlen ihren Neid! Wir waren einfach füreinander geschaffen, das ideale Paar! Ach, ich liebte ihn über alle Maßen, seine sportliche und kämpferische Art unter selbst widrigsten Umständen in der Wüste, seine Bescheidenheit, sein direktes, unverschnörkeltes Wesen und seine Formen erst... Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder ohne ihn sein zu müssen.

Aber wie das so ist im Leben: auf die fetten Jahre folgen stets die mageren: mittlerweile bin ich mit einem recht alten Knacker unterwegs, der schon recht pflegebedürftig ist und mir graut trotz seines schlichten Äußeren, seiner Schwerfälligkeit und seinem astmathischen Keuchen und verschiedentlichem Rasseln und Klappern schon davor, wenn er eines Tages tatsächlich schlapp macht und ich ihn zu Grabe tragen muß, denn ein neues Auto wird hier in Hongkong nicht gekauft, sagt mein Mann.

copyright Susann Thomsen



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